Praxistipp: Die Unternehmensvision entwickeln

Teil 16 der Reihe “Führungskompetenz im Mittelstand”

Von Dr. oec. habil. Jörg Schumann; Ausgabe 4/2009 P.T. Magazin

Eine Vision zu haben ist wichtig! Gerade in Krisenzeiten! Welcher Firmenchef oder welche -chefin will schon eingestehen, dass er oder sie keine Vorstellung von der Zukunft seines oder ihres Unternehmens hat. Das wäre höchst unprofessionell! Um professionell zu sein oder zu erscheinen, wird ab und an eine Vision vom Wettbewerb „gekupfert“, „von der Stange“ eines Beraters gekauft oder – was das Beste ist -, in eigener unternehmerischer Regie entwickelt.

Ob „gekupfert“ oder „von der Stange“ gekauft -, derart beschaffte Visionen sind unecht, sind aufgesetzt! Damit befördern Sie weder die Identifikation noch die Leidenschaft der Führungskräfte und Mitarbeiter, sich mit Kopf, Herz und Hand in das Verwirklichen der Vision einzubringen. Ich empfehle daher, nichts „Fertiges“ vorzusetzen, sondern vielmehr ausgewählte Leistungsträger Ihres Unternehmens in die Visionsentwicklung einbeziehen.

Als geeigneter Rahmen dazu bietet sich eine Führungsklausur an. An jener Klausur, welche ich moderieren durfte, nahmen die Geschäftsführenden Gesellschafter des Unternehmens, vier Führungskräfte des mittleren Managements und zwei Nachwuchsführungskräfte („High Potentials“) teil.

Der Grundgedanke war, einen erstrebenswerten Zielzustand mit Realitätsbezug (= Vision) gedanklich vorwegzunehmen. Um die Diskussion dazu anzuregen, legte ich den Klausurteilnehmern sieben Fragen als Checkliste vor.

1 In welche Richtung wird sich Ihr Unternehmen [in drei Jahren] entwickelt haben?
2 Welcher gesellschaftliche Sinn steht hinter der Entwicklung?
3 Welche Kundengruppen gewinnt und bindet Ihr Unternehmen [dann]
mittels welcher Produktgruppen und Anwendungslösungen?
4 Worauf basiert [dann] primär die Wirtschaftlichkeit Ihres Unternehmens?
5 Wie und womit erzielt Ihr Unternehmen [dann] eine hohe Kundenzufriedenheit?
6 Wodurch differenziert sich Ihr Unternehmen [dann] positiv vom Wettbewerb?
7 Inwiefern bietet Ihr Unternehmen den Mitarbeitern eine Zukunftsperspektive?

Zugegeben, das Beantworten der Fragen wurde von den Teilnehmern als schwierig empfunden. Mussten sie doch den gewohnten Wettbewerbsraum gedanklich verlassen und stattdessen einZukunftsbild mit einem Zeithorizont von drei Jahren entwickeln. Klar, dass der eine oder andere sein Bild mit einem vagen „würde“, „hätte“, „könnte“ und „vielleicht“ versah. Das jedoch war nicht gefragt! Gefragt war die klare Kontur des Zielzustands – das Gerüst der Unternehmensvision.

Fragen und Stichworte als Antworten:
1 Führender Entwickler innovativer Produktgruppen und
Anwendungslösungen für unterschiedliche Industriebereiche;
Profitabel positioniert am europäischen Markt;
Anteil der Anwendungslösungen am Umsatz: 80 %

2 Beitrag leisten zum Befriedigen der Kundenbedürfnisse
nach technisch hochwertigen, flexibel, sicher und wirtschaftlich nutzbaren
Produkten und Anwendungslösungen bei hervorragendem Kundenservice

3 Anwender der Bereiche Bergbau, Getränke-, Backwarenindustrie etc;
Produkte und Anwendungslösungen für Schütt- und Stückguttransport

4 Hoher Ertrag aus Produkten und Anwendungslösungen
bei etwa gleich bleibendem Aufwand („Zählermanagement“)

5 Einhalten (= Zufriedenheit) und Übertreffen (= Begeisterung)
der Nutzwerterwartungen der Kunden:

Den Kunden mehr Nutzwert bieten, als sie erwarten

6 Nutzwertführerschaft bei xxx- und yyy-Anwendungen in Deutschland:
Den Kunden mehr Nutzwert bieten, als das die Wettbewerber vermögen

7 Inhaber geführtes Unternehmen in dritter Generation (Unternehmen = „Familie“);
Führungsverantwortung für Sicherheit und Erhalt der Arbeitsplätze;
Investition in Know-how und Handlungskompetenz „mündiger“ Mitarbeiter

Mit diesem Gerüst konnte die Unternehmensvision formuliert werden.

Unsere Vision: Nutzwertführer in Deutschland
Unser Unternehmen ist als Entwickler innovativer Produkte und Anwendungslösungen für unterschiedliche Industriebereiche am europäischen Markt profitabel positioniert. Bei xxx- und yyy-Anwendungen sind wir der Nutzwertführer in Deutschland.
Die Nutzwertführerschaft basiert auf unserem Beitrag zum Befriedigen der Kundenbedürfnisse nach technisch hochwertigen, flexibel, sicher und wirtschaftlich nutzbaren Produkten und Anwendungslösungen bei hervorragendem Kundenservice.
Dieser Beitrag befördert die Zufriedenheit und Begeisterung unserer Stammkunden, weckt das Interesse potenzieller Neukunden und ermöglicht, einen hohen Ertrag im Stamm- und Neukundengeschäft zu erzielen und die Wirtschaftlichkeit unseres Unternehmens nachhaltig zu sichern.

Die Nachhaltigkeit des Erfolgs ist die Voraussetzung dafür, dass wir unseren Mitarbeitern ein solides Fundament für eine Zusammenarbeit und eine attraktive Zukunftsperspektive bieten können.

Nun liegt es an der Unternehmensführung, den guten Worten der Vision überzeugende Taten folgen zu lassen. Viel Erfolg dabei!

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