Sind Sie für die Zukunft gerüstet?

Teil 8 der Reihe “Führungskompetenz im Mittelstand”

Von Dr. oec. habil. Jörg Schumann; Ausgabe 2/2008 P.T. Magazin

Mein Freund Paul ist Mittelständler. Bis vor kurzem arbeitete er „rund um die Uhr“. Im Tagesgeschäftverbrauchte er seine Zeit und Energie. Streng folgte Paul dem Grundsatz „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“. Und so zog er die, in bester Absicht an seine Mitarbeiter delegierte, jedoch von ihnen unerledigte, Arbeit wieder an sich. „Ich habe denen doch mehrmals erklärt, wie es geht. Wenn die das nicht begreifen, mache ich es eben selbst“, pflegte Paul zu sagen.

Je größer der selbst auferlegte Druck, desto mehr arbeitete er. Empfehlungen meinerseits lehnte Paul strikt ab. Schließlich ist er Praktiker und hat Erfahrung. Diese Einstellung war wohl der Grund für Pauls anfängliche Beratungsresistenz -, trotz unserer Freundschaft.

Und dann das: Pauls Frau zog mit ihrem Yogalehrer davon. Das warf Paul aus der Bahn. Der Bruch seines gewohnten Lebens kam für ihn völlig unerwartet. In dieser Situation suchte Paul bei mir Rat: Er wolle seine Lektion für die Zukunft lernen, versicherte er glaubhaft.

Pauls Herausforderung

Wir verständigten uns über die durch ihn zu verwirklichende Einheit von Eigentum und Führung, von Entscheidung und Verantwortung, von individuellem Wohlergehen und Partnerschaft. Diese Einheit soll Paul in der Zukunft stärker beachten, so mein Rat. Ich empfahl ihm, sich auf drei Bereiche zu konzentrieren:

1 Das Tagesgeschäft managen UND
2 Die Unternehmenszukunft gestalten UND – [auch noch!] –
3 Ein Privatleben führen

Wie er den „Tanz auf drei Hochzeiten“ bestehen soll, fragte mich Paul verunsichert. Ihm war sehr wohl bewusst, dass er die Bereiche 2 und 3 grob vernachlässigt hatte. Das grundlegend zu ändern, war Pauls Herausforderung.

Pauls Irrweg

Bei der Lösungssuche gingen wir von den drei Bereichen aus. Paul realisierte: Wenn er seine Zeit- und Energieressourcen im Bereich 1 verbraucht, kann für die Bereiche 2 und 3 kaum etwas davon übrig bleiben. Seine Erfahrung (!) sagte ihm: Wenn die Ressourcen für das Erfüllen der Aufgaben nicht ausreichen (Problem), dann muss ich deren Einsatz erhöhen (Lösung). Ergo: Paul arbeitete mehr, weitete den Zeit- und Energieverbrauch in die Richtungen Zeit- („24*7*365“) und Energielimit („Burn-out-Syndrom“) aus. Die scheinbare(!) Lösung des Problems, nämlich mehr zu arbeiten, führte Paul in einen „selbstbezüglichen Teufelskreis“ (P. Watzlawick). Aus diesem musste er heraus! Meine Lösung dazu verblüffte Paul. Sie hieß: Das Tagesgeschäft loslassen: „Management by Vacation“ (s. P.T. Magazin 05/2007). Paul erkannte darin das Potenzial seiner „Großen Freiheit“. Darüber dachte er intensiv nach. Und er kam zu fast philosophischen Erkenntnissen.

Pauls Erkenntnisse

(1) Die Freiheit des Loslassens im Tagesgeschäft ist in erster Linie das Resultat meiner Entscheidung, loslassen zu wollen und das auch zu können. Mein Ego allein entscheidet darüber, ob ich mich für „unentbehrlich“ halte oder willens und fähig bin schrittweise loszulassen.

(2) Ich erziele das Loslassen nicht auf kurzem Wege. Vielmehr sind ein langer Atem und ein konsequentes Dranbleiben gefragt.

(3) Das Loslassen gelingt mir in jenem Maße, in welchem die Unternehmensprozesse und -strukturen ohne meine direkte Einflussnahme funktionieren, und die Führungskräfte und Mitarbeiter das Tagesgeschäft in meinem Sinne mit Eigeninitiative und Verantwortung ausführen.

(4) In die Freiheit des Loslassens muss ich als „Vorleistung“ Zeit und Energie investieren. Ein nachhaltiger Return ist mir mittels Zeit- und Energieeinsparung im Tagesgeschäft sicher. Die so frei werdenden Ressourcen nutze ich für das Gestalten der Zukunft meines Unternehmens und für meinPrivatleben.

Schritt für Schritt setzte Paul seine Erkenntnisse in die Tat um. Nun stand die Frage, inwieweit Paul gerüstet war, sein Unternehmen in die Zukunft zu führen.

Pauls Rüstzeug zur Zukunftsgestaltung

Dieser Teil der Lektion war für Paul der schwierigste. Er musste erkennen, dass das Rüstzeug zum Gestalten einer erstrebenswerten Zukunft auf der Dualität von Führungspersönlichkeit(Personenbezug) und Führungs-Know-how (Sachbezug) basiert.

Mit Personenbezug lernte Paul, (1) seine Ziele, Motive, Einstellungen sowie Denk- und Handlungsmuster mit Blick auf die Zukunftsgestaltung zu hinterfragen und teilweise neu zu justieren, (2) neben seiner Erfahrung mehr das intuitive Wissen dessen, was zu tun ist, zu nutzen, (3) sich aufWesentliches zu konzentrieren und das Wesentliche besser als die Wettbewerber zu tun sowie (4) seine emotionale Kompetenz auszuprägen und anzuwenden.

Mit Sachbezug machte sich Paul ein ganzheitliches Führungskonzept zu Eigen. Er lernte, (1) eine Unternehmensvision zu entwickeln, (2) eine Unternehmensstrategie abzuleiten, (3) ein Unternehmensleitbild zu schaffen, (4) die getroffenen Führungsaussagen mit Kunden-, Mitarbeiter-, Prozess- und Wirtschaftlichkeitsbezug durch Ziele, Leistungskennzahlen, Zielvorgaben und Ziel führende Maßnahmen zu operationalisieren sowie (5) den Umsetzungsfortschritt zu steuern.

Paul hat seine Lektion gelernt

Im Nachhinein erkannte Paul, dass Brüche und Diskontinuitäten (Yogalehrer), aber auch der etwaige Wink mit dem Zaunpfahl des Arztes „Wenn du so weitermachst, dann …“, zwar neue Erkenntnisse befördern können, jedoch keinesfalls deren Voraussetzungen sind. Vielmehr liegt es bei uns, bei jedem einzelnen Entscheidungs- und Verantwortungsträger im Mittelstand, Pauls Erkenntnisse nachzuvollziehen und die Zukunft unserer Unternehmen mit Optimismus, Weitblick, Mut und Menschlichkeit zu gestalten.

Übrigens: Paul ist heute mit einer Kampfkunstlehrerin glücklich verheiratet.

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